Das Datenuniversum in der Handelsfinanzierung: Wie sieht die Zukunft aus?

Digitalisierung und Daten stehen seit einigen Jahren ganz oben auf der Agenda von Experten und Beratern in der Handelsfinanzierung. In diesem Artikel befassen wir uns mit den zurzeit wichtigsten Fragen rund um das Thema Daten.

Insellösungen beherrschen das aktuelle Bild

Dass der Bereich Handelsfinanzierung den finalen Schritt in die neue Daten-Ära bewerkstelligen muss, steht außer Frage. Doch wie lässt sich der Prozess beschleunigen? Ein Blick auf das derzeitige Umfeld zeigt, dass es für effiziente Datennutzung zahlreiche Insellösungen gibt, aber kein globales Geschäftsmodell. 

Der Versuch, die Transparenz und Effizienz der Datenströme in Lieferketten zu optimieren, hat einige Initiativen, die sich auf Datenströme fokussieren, hervorgebracht. Dazu zählen die Digitalisierung von Speditionsunternehmen (z. B. Tradelens, GSBN und Ant-Cosco) und Hafenstandorten. Als Beispiele seien hier das weltweit erste automatisierte Containerterminal im Hafen von Rotterdam genannt sowie die Häfen von Barcelona (Netzwerk für das Internet der Dinge), Hamburg (5G-Tests) oder französische Häfen, die seit Juni dieses Jahres in Containern beförderte Güter grafisch visualisieren und so eine Nachverfolgung von KPIs (Key Performance Indicators) in Echtzeit ermöglichen.
 
Es gibt zudem weitere Initiativen: Digitalisierung im Straßenverkehr (so bei Fretlink, Everoad und Shippeo); gemeinsame Datennutzung innerhalb der Lieferkette ( Automobilhersteller mit ihren Lieferanten bezüglich der Bestandsverwaltung oder bei Vorlaufzeiten); die Digitalisierung beim Zoll zur Verbesserung des Datenaustauschs zwischen den Ländern; und Verordnungen über den Verkehr in Europa. Die eFTI-Verordnung über elektronische Frachtbeförderungsinformationen wurde im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht und wird planmäßig ab 21. August 2024 wirksam.

Daten als zentrales Element

Supply-Chain-Stakeholder – Konzerne, Banken, Verkehrsunternehmen, Speditionen, der Zoll, Häfen – müssen damit anfangen, Daten als Kernbestandteil ihres Geschäfts zu sehen und das Thema nicht länger stiefmütterlich zu behandeln. Nur so werden sie Fortschritte erzielen.

Dazu sind eine neue Herangehensweise und eine Kulturveränderung nötig, welche die unmittelbaren Vorteile einer gemeinsamen Datennutzung in den Fokus rücken. Risiken wie das Betrugsrisiko oder das Durchsickern von vertraulichen Informationen sind in dem Zusammenhang natürlich nicht zu vernachlässigen. Diesen sollte mit besonderen Sicherheitsplänen, Prozessen und verbesserten rechtlichen Rahmenbedingungen begegnet werden. Erforderlich dafür sind aktuellste IT-Infrastrukturen, darunter sogenannte Data Lakes (Datenseen) und APIs sowie die Allokation von ausreichenden Zeit-, Geld- und Personalressourcen.

Weniger, dafür bessere Standards

Aktuell ist eine Etablierung branchenübergreifender Standards durch sektorbasierte Konsortial-Ansätze wie im Bank- und Speditionswesen oder durch Plattformen unter der Führung von Fintechs zu beobachten. Dies ist nicht ideal, denn seit jeher ist solchen Initiativen für Marktstandards selten Erfolg beschieden, nur wenige werden tatsächlich implementiert. Wir sind der festen Überzeugung, dass die verschiedenen Institutionen ihre Anstrengungen bündeln und durch eine koordinierte branchenübergreifende Initiative ein ganzheitliches Set von Kerndaten im Handelsbereich etablieren müssen.

Alle Akteure haben eine Rolle bei der Gestaltung der Digitalisierung in der Handelsfinanzierung zu spielen. Regierungen, supranationale Organisationen, wichtige Supply Chain-Stakeholder und Fintechs müssten dafür ihre Differenzen zurückstellen und für mehr Klarheit in der Governance und beim rechtlichen Rahmen für Prozesse in der länder- und branchenübergreifenden Datennutzung sorgen. 

Wie geht es weiter?

Für Banken muss bei der Datennutzung die oberste Priorität in verbesserter Effizienz der internen Prozesse sowie in höherer Transparenz gegenüber externen Parteien wie Kunden und Aufsichtsbehörden liegen. Die Verbesserung von Transparenz und Datenerfassungskapazitäten entlang interner Ketten ist ein wichtiger erster Schritt, um weitere ausgereifte Anwendungen zu ermöglichen und externe Daten nutzbringend einzusetzen. 

Unseren Kunden sind bei neuen Geschäftsideen vor allem Benutzerfreundlichkeit und Schnelligkeit, Sicherheit, Resilienz, Nachhaltigkeit, sowie smarte und maßgeschneiderte Lösungen wichtig.

Was die Anwenderfreundlichkeit und die Schnelligkeit angeht, würden nach einem erfassten Ereignis automatisch Waren- oder Zahlungsströme ausgelöst (so erfolgt bei Modellen wie we.trade die Zahlung nach Erhalt der Waren oder zum vereinbarten Zahlungstermin).

In Bezug auf Sicherheit, Resilienz und Nachhaltigkeit sind Verbesserungen bei der gemeinsamen Datennutzung und bei der durchgängigen Nachverfolgung von Lieferketten erforderlich, um die Erfüllung von Compliance-Anforderungen und Echtzeit-Audits zu erleichtern. Außerdem werden im Supply Chain-Prozess neue KPIs verankert damit der Finanzsektor bei der Bereitstellung von Mitteln besser differenzieren kann, so zum Beispiel auf Grundlage von Nachhaltigkeits- oder Umweltkriterien.

Neue Dienste werden intelligente Analysemöglichkeiten bieten. Unternehmen können mit diesen Umschlagszeiten, Lagerkapazität, Lieferantenperformance und Treasury Management besser verstehen und mit den Benchmarks ihrer Wettbewerber vergleichen.

Auf der Grundlage historischer Daten oder Marktkennzahlen werden neue Services dazu in der Lage sein, vorausschauende Analysen sowie akkurate und zeitnahe Hinweise zu liefern. Das dürfte sich in vielen Kontexten als nützlich erweisen, zum Beispiel wenn Schiffe von ihren Idealrouten abkommen, oder wenn Handelstransaktionen komplexer sind und mehr Zeit beanspruchen als angenommen, oder wenn Lieferungen den ursprünglichen Zeitplan nicht einhalten können. So profitieren alle beteiligten Parteien davon, dass Spielraum für Korrekturen gegeben ist bevor sich potenzielle Probleme zu tatsächlichen entwickeln.

Letztlich werden neue Beratungsservices entstehen, die den Unternehmen dabei helfen, individuelle Handelstransaktionen besser zu strukturieren. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach optimalen Finanzdienstleistungen, umweltfreundlichen Strukturierungen, besten Kooperationspartnern sowie einem risikobewussten Set-up. All dies lässt sich durch eine Risikobetrachtung in Echtzeit erreichen, welche unternehmensimmanente, länderspezifische sowie Währungsrisiken beinhaltet. 

Fazit

Die von der weltweiten Reaktion auf Covid-19 kurzfristig erzwungene Pause könnte also auch in der Handelsfinanzierung als Beschleuniger langfristiger Digitalisierungstrends fungieren.

Im Bereich der Datenstandardisierung hat die Krise dazu beigetragen, dass Souveränitätsfragen wieder diskutiert werden. Zukünftig könnten weitere Schritte von EU-Behörden (und anderen Akteuren) folgen, die ein neues Zeitalter der Datenstandardisierung in Europa einläuten – ähnlich der EU-Initiative für eine Verordnung über elektronische Frachtbeförderungsinformationen.

Wenn jetzt alle gemeinsam an einem Strang ziehen könnte es dazu kommen, dass aus den Turbulenzen der vergangenen Monate etwas dauerhaft Positives entsteht. 
 

Head of Trade Services Global Transaction Banking - Societe Generale
Trade Product manager – Digital & Innovation Global Transaction Banking - Societe Generale